Es war kein normales Konzert. Pop-Gigant Herbert Grönemeyer lud gestern Abend zum „Heimspiel“ unter dem Motto „Mittendrin akustisch“.
Pünktlich um 20:10 Uhr erloschen die Lichter, und was dann folgte, war kein gewöhnliches Konzert. Es war eine 165-minütige Umarmung. Ohne Support, ohne Allüren, aber mit einer Setlist von 35! Songs, die Berlin bis um 22:55 Uhr in Atem hielt. Herbert Grönemeyer bewies in seiner Wahlheimat, dass „akustisch“ bei ihm nicht „leise“ bedeutet, sondern „intensiv“ & pur, und akustisch freigelegte Emotion ihn und das Publikum in Ekstase versetzen kann.
🏛️ Die Bühne: Ein Zentrum der Energie
In der Mitte der Arena thronte die beeindruckende Konstruktion: Eine massive quadratische Basis, auf der eine kreisrunde Platte montiert war. Dieses Design ermöglichte es Herbert, während der gesamten 165 Minuten ständig in Bewegung zu bleiben. Er wirbelte, rannte und vollführte seinen berühmten „Schulter-Walzer“ – diese einzigartige, herrlich ungelenke und doch rhythmische Tanzart, die längst Kultstatus genießt. Unterstützt von seiner brillanten Band sowie einer Riege aus Streichern, Trompetern, einem Posaunisten, Saxophinst, Perkussionist mit Trommeln, Schellen, Rasseln und dem gewaltigen Rundfunkchor Berlin, wurde jedes Stück zu einem orchestralen Erlebnis. Die Licht-Show eher minimal, auf Pyro oder andere Effekte wurde ganz verzicht, voller Fokus lag auf der Musik an diesem Abend.


Fotos (C)Dennis Hahn / BerlinMagazine.de
🎼 Die Setlist: Eine Reise durch vier Jahrzehnte
Der Abend begann mit einer Gänsehaut-Garantie: „Unfassbarer Grund“ erklang fast sakral als A-Cappella-Version mit dem Chor, gefolgt von der modernen Wucht von „Das ist los“. Schon hier wurde klar: „Akustisch“ bedeutet bei Grönemeyer nicht „leise“, sondern eine Konzentration auf das Wesentliche. Bei „Sekundenglück“ und „Flieg“ breitete sich eine wohlige Wärme im Saal aus, bevor mit der Hymne „Bochum“ das emotionale Fundament gelegt wurde. Es ist faszinierend zu sehen, wie Berlin – die Stadt, die Herbert vor vielen Jahren adoptiert hat – bei diesen Ruhrgebiets-Hymnen mitsingt, als gäbe es kein Morgen.
In der Mitte des Hauptsets folgte ein Block von unfassbarer emotionaler Dichte. „Flugzeuge im Bauch“ und „Der Weg“, beide durch den Rundfunkchor Berlin und die filigranen Streicher-Arrangements unterstützt, sorgten für eine Stille in der Arena, die man förmlich greifen konnte. Hier zeigte sich Grönemeyers Status als einer der größten deutschen Künstler: Er schafft es, Schmerz und Hoffnung so zu verweben, dass man sich gleichzeitig verletzlich und getragen fühlt. Mit „Alkohol“ und „Mensch“ zog das Tempo wieder an, wobei die Bläsersektion den Songs einen fast schon swingenden, erdigen Drive verlieh. Den krönenden Abschluss des Hauptsets bildete „Zeit, dass sich was dreht“, das durch den Chor zu einem mächtigen Manifest für den Zusammenhalt wurde.




Fotos (C)Dennis Hahn / BerlinMagazine.de
🔄 Die drei monumentalen Zugaben-Blöcke
Als Herbert nach dem Hauptset die Bühne kurz verließ, ahnte noch niemand, dass der Abend erst jetzt seine volle Extase entfalten würde.
Der 1. Zugaben-Block: Humor und Ukulelen-Glück:
Los ging es mit dem energetischen „Was soll das“, bevor der wohl sympathischste Moment des Abends folgte. Für „Männer“ griff Herbert tatsächlich zur Ukulele. Mit einem schelmischen Grinsen erklärte er dem johlenden Publikum, dass er „jahrzehntelang bei seiner Band gebettelt habe, bis sie ihm endlich erlaubt haben, dieses kleine Ding zu spielen“. Die Bandvorstellung im Anschluss war eine einzige Feier der langjährigen Weggefährten.
Der 2. Zugaben-Block: Ekstase und Chor-Magie
Nachdem das Publikum mit „Oh wie ist das schön“ (Traditional) den Saal bereits in ein Tollhaus verwandelt hatte, setzte Herbert mit „Kopf hoch, tanzen“ und dem unverwüstlichen „Mambo“ noch einen drauf. Die akustischen Bläser peitschten den Rhythmus nach vorne, während Herbert über die rotierende Scheibe fegte. Ein absolutes Highlight war die Reprise von „Flugzeuge im Bauch“, die ausschließlich vom Chor gesungen wurde – ein Moment von ätherischer Schönheit, gefolgt von den tiefgründigen Stücken „Warum“ und „Morgen“.
Der 3. Zugaben-Block: Das kollektive Wiegenlied
Obwohl es bereits auf 23:00 Uhr zuging, wollte Berlin seinen Herbert nicht gehen lassen. Das Publikum stimmte erneut „Oh wie ist das schön“ an, woraufhin Herbert allein am Klavier übernahm und die Fans den Song fast vollständig im Alleingang singen ließ. Es folgten die hochemotionalen Balladen „Neuer Tag“, „Halt mich“ und „Immerfort“. Den endgültigen, friedvollen Schlusspunkt setzte um 22:50 Uhr das Matthias-Claudius-Cover „Der Mond ist aufgegangen“. Zusammen mit dem Chor entließ Herbert ein seliges Publikum in die Berliner Nacht.
Fazit: Ein Abend ohne Verstärker, aber nicht leise – Wenn Glückseligkeit in Serie geht
Was wir gestern in der Uber Arena erleben durften, war weit mehr als die Summe seiner Teile. Es war eine perfekte Symbiose aus künstlerischem Wagemut und der tiefen Liebe eines Publikums zu seinem Idol. Das Konzept der „Mittendrin“-Bühne ging voll auf: Die quadratische Basis mit der Scheibe wirkte wie ein hochemotionaler Magnet, der die Distanz in der riesigen Halle einfach auflöste. Man war Herbert nicht nur räumlich nah, sondern fühlte sich durch die akustischen Arrangements auch klanglich unmittelbar an sein Herz herangezogen.
Dass diese Klassiker – die wir alle seit Jahrzehnten im Schlaf mitsingen – durch die filigranen Streicher, die schmetternden Bläser und die gewaltige Präsenz des Rundfunkchors einen so frischen, fast schon majestätischen Anstrich bekamen, war die eigentliche Offenbarung des Abends. Die Band spielte mit einer Präzision und Spielfreude, die jeden Ton veredelte. Und mittendrin: Ein überragender Herbert Grönemeyer, der wie ein energetisches Kraftwerk über die Bühne fegte, seinen „Schulter-Walzer“ zelebrierte und mit einer Lebensfreude agierte, die jeden im Saal ansteckte.
Das Berliner Publikum war an diesem Abend der heimliche Co-Star. Es wurde nicht nur zugehört, es wurde gelebt, gelacht und mit einer Inbrunst mitgesungen, die die Arena zum Beben brachte. Nach knapp drei Stunden, 35 Songs und einer emotionalen Achterbahnfahrt verließen 15.000 Menschen die Halle nicht einfach nur als Zuschauer – sie gingen als eine Gemeinschaft, die glücklich, tief erfüllt und mit einer unglaublichen positiven Energie in die Berliner Nacht hinaustrat. Ein Abend, der bewies: Musik kann heilen, Musik kann verbinden – und Herbert ist ihr größter Botschafter.













