Mehr als 20 Jahre nach meinem ersten Hosen-Konzert stand ich wieder mitten im Innenraum. Was folgte, waren rund zweieinhalb Stunden voller Energie, Erinnerungen, großer Hymnen und zwei außergewöhnlicher Berliner Gäste. Für mich ist dieser Abend bereits das bzw. mein Konzert-Highlight 2026.
Stand: 12. Juli 2026: Die Toten Hosen spielten am Samstagabend vor rund 69.000 Menschen im ausverkauften Olympiastadion Berlin. The Stranglers und die Beatsteaks eröffneten den Konzerttag, bevor die Düsseldorfer um 20 Uhr ihre rund zweieinhalbstündige Show begannen. Für die größten Überraschungen sorgten Sven Regener und Farin Urlaub während der Zugaben.
Meine erste Begegnung mit den Toten Hosen liegt mittlerweile mehr als 20 Jahre zurück. Am 9. Juli 2005 war ich im Emslandstadion in Meppen, als die Band im Rahmen ihrer „Friss oder Stirb“-Tour dort spielte. Seitdem haben sich die Konzerte, die Bühnen und natürlich auch das eigene Leben verändert. Die besondere Energie, die entsteht, wenn Tausende gemeinsam diese Lieder singen, ist jedoch geblieben.
Nun stand ich wieder im Innenraum – diesmal im ausverkauften Berliner Olympiastadion und nur wenige Meter von der Bühne entfernt. Mittendrin statt nur dabei. Vielleicht hat mich dieser Abend gerade deshalb so stark erreicht. Vielleicht lag es an meiner langen Geschichte mit der Band, an der Stimmung im vorderen Innenraum oder an der unausgesprochenen Frage, ob dies womöglich das letzte große Hosen-Konzert in Berlin gewesen sein könnte.
Am Ende war es vermutlich die Mischung aus allem.
⚡ Kurz zusammengefasst
Die Toten Hosen präsentierten in Berlin 33 Songs (sowie Intro und Outro) aus mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte. Von „Opel-Gang“ über „Nur zu Besuch“, „Hier kommt Alex“ und „Tage wie diese“ bis zu „You’ll Never Walk Alone“ gab es nahezu keinen Stimmungsabfall. Neue Titel wie „Die Show muss weitergehen“, „Wir waren nie weg“ und „Schlechte Nachbarn“ fügten sich selbstverständlich zwischen die Klassiker ein.
Sven Regener sang mit Campino „Immer nur geliebt“ von Element of Crime. Farin Urlaub überraschte das Olympiastadion bei „Hier sind die Hosen“ und spielte anschließend gemeinsam mit den Toten Hosen den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“. Im Innenraum wurde gepogt, gesprungen und mitgesungen, während Fahnen, Crowdsurfer, Konfetti und Zehntausende Stimmen für zahlreiche große Bilder sorgten.
Der erste Blick hinunter ins Olympiastadion
Als ich gegen 16 Uhr im Olympiastadion ankam, waren die Tribünen und der Innenraum noch mäßig gefüllt. Trotzdem ist dieser erste Blick jedes Mal besonders. Über die große Treppe geht es hinunter, vor einem öffnet sich das gesamte Stadionrund und am gegenüberliegenden Ende steht die gewaltige Bühne vor dem Marathontor.
Noch waren die Wege entspannt, viele Sitzplätze leer und zwischen den Menschen im Innenraum blieb reichlich Platz. Gleichzeitig konnte man bereits erahnen, welche Dimension dieser Abend wenige Stunden später erreichen würde. Nach und nach füllten sich die Ränge, bis schließlich rund 69.000 Menschen das ausverkaufte Stadion in eine riesige Konzertarena verwandelten.
Auch das Wetter hätte kaum besser sein können. Sonnenschein und sommerliche Temperaturen von ungefähr 27 Grad sorgten für einen perfekten Open-Air-Abend. Es war warm genug für echtes Stadion-Sommergefühl, aber nicht so heiß, dass jede Bewegung im Innenraum sofort zur Belastungsprobe wurde.



Fotos: © Dennis Hahn
Drei Innenraumbereiche – aber kein teurer Golden Circle
Der Innenraum war wie bei vielen großen Stadionkonzerten in drei Bereiche unterteilt. Einen gesondert und deutlich teurer verkauften Golden Circle gab es jedoch nicht. Stattdessen galt das faire Prinzip: Wer zuerst kommt, gelangt zuerst in die vorderen Bereiche.
Ich schaffte es in die erste Welle und stand nur wenige Meter von der Bühne entfernt. Genau dort, wo bereits beim ersten Hosen-Song aus dichtem Stehen sofort Bewegung, Pogo und ein kleiner Moshpit werden sollten.
Dieses System gefiel mir deutlich besser als die inzwischen häufige Aufteilung nach immer teureren Ticketkategorien. Der Platz weit vorne war nicht davon abhängig, wie viel zusätzlich bezahlt wurde, sondern davon, wie früh jemand zum Konzert kam.
Eine Bühne mit eigener Hosen-Welt
Auch die Bühne fiel positiv auf. Bei vielen großen Konzerten der letzten Zeit standen vor allem riesige, technisch eindrucksvolle, optisch aber häufig nüchterne Gerüstkonstruktionen im Stadion. Die Produktion der Toten Hosen wirkte dagegen von Anfang an wie eine eigene Welt.
Die Bühne war bunt gestaltet und mit zahlreichen Details, Symbolen und musikalischen Elementen versehen. Sie passte zur Band: etwas chaotisch, verspielt, laut und voller Anspielungen. Schon vor dem eigentlichen Konzert gab es rund um die Konstruktion mehr zu entdecken als lediglich große Leinwände, Lichtanlagen und Lautsprechertürme.
Diese Gestaltung setzte sich später während des Intros fort, als die Vergangenheit der Band auf den Leinwänden lebendig wurde.
The Stranglers: Campino kündigt seine Punkhelden persönlich an
Um 17:20 Uhr kam Campino selbst auf die Bühne, um die erste Band des Tages anzukündigen. Allein dieser Moment machte deutlich, dass The Stranglers nicht einfach irgendein früher Support waren.
Campino sprach von den englischen Punklegenden und erzählte, dass er als 15-Jähriger am liebsten selbst bei ihnen gespielt hätte – möglicherweise als Schlagzeuger. Aus der kurzen Ansage sprach ehrlicher Respekt vor einer Band, die bereits Musikgeschichte geschrieben hatte, bevor die Toten Hosen überhaupt gegründet wurden.
The Stranglers lieferten anschließend eine konzentrierte und überzeugende Show. Natürlich durfte „Always the Sun“ nicht fehlen, das auch in dem noch nicht vollständig gefüllten Stadion sofort erkannt und mitgesungen wurde.
Als erste Band auf einer großen, zu diesem Zeitpunkt noch lockeren Stadionfläche zu spielen, ist selten eine dankbare Aufgabe. The Stranglers lösten sie mit Erfahrung, Präsenz und einem Sound, der gut zu diesem langen Punkrock-Abend passte. Sie machten den Anfang für einen Abend, der von diesem Moment an kontinuierlich größer werden sollte.


Fotos: © Dennis Hahn
Beatsteaks: Das bislang beste Vorprogramm meines Konzertjahres
Mit den Beatsteaks folgte für mich die bislang beste Wahl einer Vorgruppe (zusammen mit dem The Stranglers) bei allen Konzerten, die ich 2026 besucht habe. Die Berliner mussten das Publikum nicht erst mühsam für sich gewinnen. Schon vor den ersten Liedern schallten Beatsteaks-Sprechchöre durch das Olympiastadion.
Sänger Arnim Teutoburg-Weiß begrüßte die Menge augenzwinkernd mit den Worten:
„Wir sind die Beatsteaks aus der Alten Försterei.“
Der kleine Seitenhieb funktionierte im Olympiastadion natürlich sofort. Danach hatte die Band die Berliner schnell im Griff. Es wurde gesprungen, laut mitgesungen und eine La-Ola-Welle durch das gesamte Stadion geschickt.
Die Beatsteaks wirkten nicht wie eine Vorgruppe, die lediglich höflich auf den Hauptact vorbereitet. Sie spielten wie eine Band mit eigenem Heimspiel. Mit „Summer“, „Jane Became Insane“, „Hail to the Freaks“, „Hello Joe“, „Hand in Hand“ und „Let Me In“ standen zahlreiche bewährte Live-Songs im Set. Bei „Cut Off the Top“ integrierten sie zudem „Wünsch dir was“ von den Toten Hosen.
Spätestens nach diesem Auftritt war das Publikum nicht mehr nur angekommen, sondern vollständig aufgewärmt.


Fotos: © Dennis Hahn
Feierliche Banner und eine Reise durch die Vergangenheit
Nach den Beatsteaks folgte eine weitere Umbauphase. Technik auf der Bühne wurden ausgetauscht, letzte technische Arbeiten abgeschlossen und im Innenraum rückten die Menschen immer dichter zusammen. Je näher 20 Uhr kam, desto größer wurde die Spannung.
Dann begann das Intro.
Links und rechts der Bühne wurden feierlich die Banner der Toten Hosen gehisst. Die Inszenierung erinnerte fast an einen Staatsakt – passend zu einer Band, die für viele längst Teil deutscher Punk-Rock- und Kulturgeschichte geworden ist.
Auf den Leinwänden erschienen Bilder aus der Vergangenheit. Alte Konzertplakate, Weggefährten und Begegnungen aus mehr als vier Jahrzehnten und Konzertlocations in Berlin wurden zu einer kurzen Reise durch die Geschichte der Band.
Dann war Schluss mit der Rückschau.
Die „Opel-Gang“ war am Start.
„Opel-Gang“ – und der Innenraum explodiert
Die Toten Hosen begannen mit einem ihrer ältesten Songs. Kein langsames Herantasten, kein vorsichtiger Stadionauftakt, sondern ein unmittelbarer Sprung zurück zu den Wurzeln der Band.
Weil ich nur wenige Meter vor der Bühne stand, war ich vom ersten Ton an vollständig in der Bewegung. Schon während „Opel-Gang“ wurde aus dichtem Stehen eine Mischung aus Springen, Pogo und Moshpit. Die ersten Crowdsurfer wurden über den Köpfen nach vorn getragen, Hände gingen nach oben und rundherum wurden die Zeilen mitgesungen oder herausgebrüllt.
Es war genau das Gefühl, wegen dem ich in den Innenraum wollte. Nicht aus sicherer Entfernung auf die Show blicken, sondern den Druck der Musik und der Menge unmittelbar erleben.
Die Energie war schon im ersten Song körperlich spürbar. Gleichzeitig funktionierte das Miteinander. Menschen, die zu Boden gingen, wurden sofort wieder hochgezogen. Crowdsurfer wurden gemeinsam weitergetragen, und trotz aller Bewegung blieb der Umgang im vorderen Bereich überwiegend rücksichtsvoll.
Campino und die Band: um die 60, aber eben auch nur 60
Was soll man über den körperlichen Zustand dieser Band sagen? Ja, die Musiker sind inzwischen alle ungefähr 60 Jahre alt. Aber eben auch nur 60.
Campino wirkte ausgesprochen vital. Er bewegte sich ständig von einer Seite der Bühne zur anderen, suchte den Kontakt zum gesamten Stadion und zeigte weiterhin seine bekannten, teilweise erstaunlich dehnbaren Posen. Von einem Frontmann, der sich vorsichtig durch ein zweieinhalbstündiges Programm bewegt, konnte keine Rede sein.
Auch die Stammbesetzung mit Bassist Andi Meurer, den Gitarristen Kuddel – Andreas von Holst – und Breiti – Michael Breitkopf – sowie Schlagzeuger Vom – Stephen George Ritchie – präsentierte sich in starker Form.
Die Band spielte konzentriert, druckvoll und eingespielt, ohne dass der Abend wie eine routiniert abgespulte Stadionproduktion wirkte. Campino und seine Mitstreiter erreichten auch die obersten Ränge – und vermittelten keineswegs den Eindruck, als müssten sie aus körperlichen Gründen bald Schluss machen.
Jung, alt und noch immer echte Punks
Das Publikum war entsprechend breit gemischt. Im Innenraum standen junge Fans neben Menschen, die die Band bereits seit den 1980er- oder 1990er-Jahren begleiten. Dazwischen waren Familien, Gelegenheitshörer, Besucher mit Tourshirts aus verschiedenen Jahrzehnten und natürlich auch noch einige echte beziehungsweise inzwischen deutlich älter gewordene Punks.
Die Toten Hosen sind über die Jahrzehnte salonfähig geworden. Ihre Lieder laufen im Radio, sie füllen Stadien, und „Tage wie diese“ gehört zu den bekanntesten deutschen Rockhymnen. Ein heutiges Hosen-Konzert erreicht andere gesellschaftliche Schichten als die frühen Auftritte in kleinen Punkclubs.
Doch sobald die Musik begann, spielten Alter, Kleidung und musikalische Herkunft kaum noch eine Rolle. Vor der Bühne wurde gepogt und getanzt, während andere etwas ruhiger standen, aber mindestens ebenso laut mitsangen.
Diese Mischung nahm dem Abend nichts von seiner Energie. Im Gegenteil: Sie zeigte, wie viele Generationen die Band inzwischen miteinander verbindet.
Klarer und druckvoller Sound im vorderen Innenraum
Zumindest an meiner Position überzeugte der Sound. Die Instrumente kamen klar und druckvoll an, ohne sich in einem undefinierbaren Stadionbrei zu verlieren. Das Schlagzeug besaß den notwendigen Druck, die Gitarren blieben präsent und Campinos Stimme war gut verständlich.
Dabei klang er weiterhin unverkennbar nach Campino. Seine Stimme ist keine glattpolierte klassische Rockstimme. Sie lebt von ihrer rauen, teilweise fast sprechenden Eigenart, die seit Jahrzehnten zu diesen Liedern gehört.
Gerade in den schnellen Nummern wirkte sie kraftvoll, während sie den ruhigeren und emotionalen Songs später ihre besondere Verletzlichkeit gab.
Zweieinhalb Stunden Hosen-Repertoire ohne wirklichen Einbruch
Nach „Opel-Gang“ folgten rund zweieinhalb Stunden, in denen die Band kaum einen Gang zurückschaltete. Die Setlist führte durch mehr als vier Jahrzehnte: frühe Punkstücke, große Hymnen, politische Songs, persönliche Lieder und mehrere Titel des neuen Albums „Trink aus, wir müssen gehen!“.
Mit „Die Show muss weitergehen“ und „Wir waren nie weg“ folgten direkt nach dem Auftakt zwei neue Songs. Ihre Titel wirkten fast wie ein gemeinsames Statement. Die Band spricht selbst davon, sich auf der Zielgeraden ihrer Karriere zu befinden und jeden Abend so spielen zu wollen, als wäre es der letzte. Ein endgültiger Termin für das letzte Konzert steht jedoch nicht fest.
Die neuen Stücke standen nicht wie Fremdkörper zwischen den Klassikern. „Schlechte Nachbarn“, „Was ist mit uns los“, „Alle sagen das“ und „Was früher einmal war“ wurden sinnvoll in den Ablauf eingebaut.
Einen wirklichen Stimmungsabfall gab es nicht. Natürlich wurden die großen Klassiker noch einmal lauter gesungen, doch das Berliner Publikum erwies sich auch bei den neueren Liedern als erstaunlich textsicher.
„Auswärtsspiel“ verwandelt den Innenraum in ein Fahnenmeer
Wie gut sich viele Fans auf diesen Abend vorbereitet hatten, zeigte sich besonders bei „Auswärtsspiel“. Plötzlich gingen überall Fahnen nach oben.
Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich der Innenraum in ein bewegtes Fahnenmeer. Die Stoffe schwangen über der springenden Menge, während Tausende den Text mitsangen.
Es war einer dieser Momente, in denen das Olympiastadion nicht mehr wie eine riesige Sportarena wirkte, sondern wie ein gemeinsamer Raum, in dem Bühne und Publikum vollständig miteinander verbunden waren.
„Wannsee“: Eine Düsseldorfer Liebeserklärung an Berlin
Besondere Begeisterung löste natürlich „Wannsee“ aus. Dass ausgerechnet eine Düsseldorfer Band eine der bekanntesten musikalischen Liebeserklärungen an den Berliner Westen geschrieben hat, gehört zu den zahlreichen besonderen Verbindungen zwischen den Toten Hosen und der Hauptstadt.
Im Olympiastadion musste Campino den Refrain kaum allein singen. Das gesamte Rund übernahm. An einem warmen Berliner Sommerabend entfaltete das Lied eine besondere Wirkung – fast so, als wäre es für genau diese Kulisse entstanden.
„Nur zu Besuch“: Glasige Augen auf und vor der Bühne
Der emotionalste Moment des Konzerts war für mich „Nur zu Besuch“. Campino schrieb das Lied nach dem Tod seiner Mutter. Zwischen all dem Pogo, den lauten Gitarren und den großen Stadionrefrains entstand plötzlich ein Moment der Ruhe und Nähe.
Bei Campino waren die Emotionen sichtbar. Seine Augen wirkten glasig. Auch im Publikum standen Menschen, denen die Tränen kamen. Viele dachten in diesem Moment vermutlich nicht nur an seine Geschichte, sondern an eigene Verluste, Abschiede und Personen, die fehlen.
Auch das sind die Toten Hosen. Sie stehen nicht nur für derben Punk, Alkohol, Fußball und Gesellschaftskritik. Zu ihrer Geschichte gehören genauso Trauer, Freundschaft, Verletzlichkeit und große emotionale Hymnen.
Dass ein solches Lied vor 69.000 Menschen immer noch so persönlich wirken kann, gehörte zu den stärksten Momenten des Abends.
86 Berliner Konzerte – eine Geschichte von KZ36 bis Olympiastadion
Campino erwähnte an diesem Abend eine beeindruckende Zahl: Es war nach der erweiterten Bandchronik der 86. Berliner Auftritt.
Diese Zählung reicht bis in die Vorgeschichte der Toten Hosen zurück. Das Tourarchiv beginnt am 7. Juni 1980 mit einem Konzert von ZK, der Vorgängerband mit Campino und Kuddel, im Kreuzberger Punkclub KZ36. Später folgten Auftritte an fast allen denkbaren kleinen und großen Berliner Spielorten – darunter SO36, K.O.B., Tempodrom, Waldbühne, Wuhlheide, Deutschlandhalle, JVA Tegel, Plötzensee und das Rollfeld des Flughafens Tempelhof.
Eine weitere prägende Berlin-Episode war das illegale Konzert der Toten Hosen im März 1983 in einer Ost-Berliner Kirche. Gemeinsam mit der DDR-Punkband Planlos spielten sie in der Erlöserkirche und setzten sich und ihre Gastgeber damit erheblichen Risiken aus.
Im Olympiastadion standen die Toten Hosen vor diesem Abend erst einmal: Am 15. Juni 1993 spielten sie dort im Vorprogramm von U2. 33 Jahre später gehörte die große Bühne ihnen selbst.
„Bonnie & Clyde“, „Pushed Again“ und meine persönliche Horrorshow
Je näher das vorläufige Ende des Hauptteils rückte, desto dichter folgten die großen Songs. „Bonnie & Clyde“ entwickelte wieder seine bekannte Mitsingkraft, während „Pushed Again“ den Innenraum mit seinem düsteren Druck noch einmal deutlich härter traf und Begalos vor der Bühne und zwischen den Wellenbrechern im Innenraum entzündet wurden.
Für mich gehörte vor allem „Hier kommt Alex“ zu den Höhepunkten. Der Song zählt seit Langem zu meinen absoluten Favoriten und verlor auch in dieser gewaltigen Stadionkulisse nichts von seiner Wirkung.
Gitarren, Schlagzeug und Zehntausende Stimmen bauten sich gemeinsam auf, bis aus dem Olympiastadion für einige Minuten doch noch eine große Horrorshow wurde – allerdings keine schreckliche, sondern ein großartiger Konzertmoment.
Nach „Wünsch dir was“ und „Hier kommt Alex“ waren ungefähr anderthalb Stunden vergangen. Die Band verschwand zunächst von der Bühne. Doch niemand zweifelte daran, dass dieser Abend noch lange nicht beendet war.
Nun begannen die außergewöhnlichsten Überraschungen.


Fotos: © Bastian Bochinski (1 li) / Dennis Hahn (2 re)
Sven Regener singt mit Campino „Immer nur geliebt“
Der erste Zugabenblock startete nicht mit einem klassischen Hosen-Hit, sondern mit „Immer nur geliebt“ von Element of Crime.
Dann stand plötzlich Sven Regener auf der Bühne und sang den Song gemeinsam mit Campino. Zwei sehr unterschiedliche Stimmen und musikalische Welten trafen aufeinander, ohne dass der Moment konstruiert wirkte.
Der Gastauftritt passte hervorragend nach Berlin. Regener und Campino machten aus dem Stück keine überladene Showeinlage, sondern einen warmen, fast intimen Auftakt der Zugaben.
Danach folgte „Halbstark“, bevor die Toten Hosen einen Song anstimmten, der weit über ihre ursprüngliche Fangemeinde hinaus zum kollektiven deutschen Gedächtnis gehört.
„Tage wie diese“: So laut habe ich das Stadion selten gehört
„Tage wie diese“ wurde während der Fußball-Europameisterschaft 2012 zu einer allgegenwärtigen Hymne und zum damals beliebtesten EM-Song. Seitdem wird das Lied weit über klassische Rockkonzerte hinaus mit großen gemeinschaftlichen Momenten verbunden.
Im Olympiastadion zeigte sich erneut, warum dieser Song eine solche Wirkung entfalten konnte. Ich habe das Stadion nur selten derart laut gehört. Nahezu jede Zeile wurde von Zehntausenden Stimmen getragen.
Dann schossen Luftschlangen und große Mengen Konfetti über das Publikum. Erhobene Arme, Papierregen, springende Menschen und ein Refrain, den das Stadion scheinbar gar nicht mehr loslassen wollte.
Wow. Wow. Wow.
Es sah aus wie das große Finale. Fast wie ein Abschied.
Doch dieser Abend war noch nicht vorbei.

Ist das Campino? Nein – Farin Urlaub!
Für den zweiten Zugabenblock kamen zunächst die Instrumentalisten zurück auf die Bühne. Der Sänger, der sie begleitete, war jedoch nicht Campino.
Für einen kurzen Moment herrschte dieses ungläubige Erkennen:
Das ist doch nicht etwa …?
Doch. Es war tatsächlich Farin Urlaub.
Der Ärzte-Sänger begann gemeinsam mit den Toten Hosen „Hier sind die Hosen“. Kurz darauf kam Campino dazu, und plötzlich standen die Frontmänner jener beiden Bands nebeneinander, die über Jahre und Jahrzehnte immer wieder als große deutsche Punkrivalen dargestellt wurden.
Das Olympiastadion reagierte mit einer Mischung aus Ungläubigkeit, Begeisterung und Euphorie.
Anschließend drehten die Musiker den Spieß um und spielten gemeinsam „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte. Zehntausende sangen den Anti-Nazi-Song mit, während Campino und Farin Urlaub gemeinsam über die Bühne gingen. Der Gastauftritt, die Umarmung der beiden und Campinos anschließende Wette gehörten zu den meistbeachteten Momenten des Abends.


Fotos: © Bastian Bochinski
Füllen Die Ärzte das Olympiastadion zweimal?
Farin Urlaub fragte das Publikum anschließend, ob Die Ärzte ebenfalls einmal im Olympiastadion spielen sollten. Die Antwort war selbstverständlich eindeutig.
Campino ging noch einen Schritt weiter und wettete, dass Die Ärzte das Stadion sogar zweimal füllen würden. Nach der Reaktion der 69.000 Menschen wirkte die Vorstellung keineswegs unrealistisch.
Dann lagen sich Campino und Farin Urlaub in den Armen. Es war ein starkes Bild – nicht als künstlich inszeniertes Ende einer alten Rivalität, sondern als sichtbares Zeichen des Respekts zwischen Musikern, die die deutsche Punk- und Rockgeschichte auf unterschiedliche Weise geprägt haben.
Mit „Schönen Gruß, auf Wiederseh’n“ endete der zweite Zugabenblock.
Aber würde es wirklich ein Wiedersehen geben?
„Alles wird vorübergehen“ – doch niemand wollte daran glauben
Der Abend wollte und sollte noch nicht enden. Die Toten Hosen kamen ein drittes Mal zurück und begannen den letzten Teil mit „Alles wird vorübergehen“.
Der Titel bekam in diesem Moment eine besondere Bedeutung. Natürlich endet jedes Konzert. Bei einer Band, die ihr vermutlich letztes reguläres Studioalbum veröffentlicht hat und selbst von der Zielgeraden spricht, schwingt inzwischen jedoch eine größere Frage mit.
Wie viele solcher Abende wird es noch geben?
Campino hat erklärt, dass kein weiteres vollständiges Studioalbum geplant sei. Ein Termin für das letzte Konzert sei allerdings noch nicht bestimmt. Die Tour läuft zunächst bis 2027 weiter.
Wahrhaben wollte ein mögliches Ende im Olympiastadion niemand. Schon gar nicht nach einer Show, in der die Band derart viel Kraft, Spielfreude und körperliche Präsenz gezeigt hatte.
69.000 Freunde feiern ihre Freunde aus Düsseldorf
Danach folgte „Freunde“ – und selten passte ein Songtitel besser zu einem Konzertmoment.
Es fühlte sich an, als stünden 69.000 Freunde im Stadion, um gemeinsam mit ihren Freunden aus Düsseldorf zu feiern. Natürlich kannten sich die meisten Menschen nicht. Doch für diese Minuten spielten Herkunft, Alter und Lebensgeschichte keine Rolle.
Menschen legten sich die Arme um die Schultern, sangen miteinander oder sprangen gemeinsam durch den Innenraum. Diese Form von Gemeinschaft kann schnell pathetisch beschrieben werden. Im Stadion fühlte sie sich vollkommen echt an.
„Zehn kleine Jägermeister“ wirkt noch immer
Mit „Zehn kleine Jägermeister“ folgte einer der größten kommerziellen Erfolge der Band. Der Song stammt aus einer anderen Phase der Hosen-Geschichte, entfaltet live aber noch immer zuverlässig seine Wirkung.
Der Kult um das Lied ist auch Jahrzehnte später nicht verschwunden. Der gesamte Innenraum sprang, und selbst in den oberen Rängen wurde noch einmal laut mitgesungen.
Die Toten Hosen zeigten damit erneut, wie mühelos sie zwischen ernsten, politischen und emotionalen Liedern und einem bewusst albernen Trinksong wechseln können.
„You’ll Never Walk Alone“ und ein Stadion, das weitersingt
Mit „You’ll Never Walk Alone“ kam dann tatsächlich das Ende dieses aus meiner Sicht überragenden und würdigen Konzerts.
Die Band spielte den Song nicht allein – das gesamte Olympiastadion übernahm. Während der letzten Minuten hatte ich den Eindruck, dass Campino mit seinen Emotionen kämpfte.
Nach dem Lied kamen noch einmal alle Musiker gemeinsam nach vorn. Sie blickten in die Menge, verabschiedeten sich und ließen sich feiern.
Doch das Publikum hörte nicht auf.
Die Menschen sangen weiter. Und weiter. Und weiter.
Die Band blieb auf der Bühne, während das Stadion den Abend nicht loslassen wollte. Es wirkte nicht wie das routinierte Ende eines weiteren Tourtermins, sondern wie ein Moment, den auch die Musiker selbst festhalten wollten.

Campino bleibt beim Outro
Als Outro lief „Ich liebe das Leben“. Campino blieb noch eine ganze Weile auf der Bühne.
Er wirkte, als wolle er nicht sofort gehen. Als müsse er diesen Blick auf das volle Olympiastadion noch etwas länger genießen. Vielleicht war es einfach die verständliche Rührung nach einem außergewöhnlichen Konzert.
Vielleicht war es aber auch das Bewusstsein, dass selbst eine mehr als vier Jahrzehnte lange Karriere nicht unbegrenzt weitergeht.
War es sein letzter Blick auf ein ausverkauftes Berliner Olympiastadion?
Diese Frage blieb nach dem letzten Ton im Raum.
❤️ Fazit: Hört nicht auf, Jungs
Was soll ich zu diesem Konzert sagen?
Für mich ist es bereits das bzw. mein Konzert-Highlight 2026.
Warum? Vielleicht, weil mich selbst eine mehr als 20-jährige Geschichte mit dieser Band verbindet. Vielleicht, weil dies tatsächlich das letzte große Berlin-Konzert der Toten Hosen gewesen sein könnte. Vielleicht, weil ich die Stimmung vorne im Innenraum als überragend und außergewöhnlich an diesem Abend empfunden habe. Vielleicht, weil der Abend derart viel Energie, so viele Mitsingmomente, Erinnerungen und Überraschungen lieferte.
Am Ende ist es sicher eine Mischung aus allem.
„Alles wird vorübergehen“ heißt einer ihrer Songs. Wahrhaben will man das nach einem solchen Abend trotzdem nicht. Gerade nicht nach einem Konzert voller Kraft und voller Lieder, die mehrere Generationen geprägt haben.
Diese Band ist nicht alt. Sie ist um die 60. Was die Rolling Stones, Paul McCartney oder AC/DC können, sollten doch auch die Toten Hosen noch eine Weile hinbekommen.
Mein persönlicher Wunsch lautet deshalb:
Hört nicht auf, Jungs.
Die Tour läuft zunächst bis 2027. Was danach geschieht? You never know.
Was ich allerdings weiß: Sollten Die Toten Hosen erneut ins Olympiastadion kommen, würden wieder Zehntausende erscheinen und mit ihnen feiern.
Und ich wäre wahrscheinlich wieder mittendrin.
Danke, Tote Hosen!
🎵 Setlist der Toten Hosen im Olympiastadion Berlin
- Intro
- Opel-Gang
- Die Show muss weitergehen
- Wir waren nie weg
- Auswärtsspiel
- Du lebst nur einmal
- Laune der Natur
- Paradies
- Unter den Wolken
- Altes Fieber
- Schlechte Nachbarn
- Wannsee
- Liebeslied
- Was ist mit uns los
- Alle sagen das
- Nur zu Besuch
- Steh auf, wenn du am Boden bist
- Bonnie & Clyde
- Helden und Diebe
- Was früher einmal war
- Alles aus Liebe
- Pushed Again
- Wünsch DIR was
- Hier kommt Alex
Erste Zugabe
- Immer nur geliebt – Element-of-Crime-Cover mit Sven Regener
- Halbstark
- Tage wie diese
Zweite Zugabe
- Hier sind die Hosen – mit Farin Urlaub
- Schrei nach Liebe – Die-Ärzte-Cover mit Farin Urlaub
- Schönen Gruß, auf Wiederseh’n
Dritte Zugabe
- Alles wird vorübergehen
- Freunde
- Zehn kleine Jägermeister
- You’ll Never Walk Alone
Outro: Ich liebe das Leben
ℹ️ Faktenbox: Die Toten Hosen im Olympiastadion Berlin
Konzert: Die Toten Hosen – „Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour
Datum: Samstag, 11. Juli 2026
Ort: Olympiastadion Berlin
Besucher: rund 69.000
Status: ausverkauft
Einlass: 15:30 Uhr
The Stranglers: ab 17:20 Uhr
Beatsteaks: ab 18:30 Uhr
Die Toten Hosen: ab 20:00 Uhr
Spieldauer der Toten Hosen: rund zweieinhalb Stunden
Songs: 33 Lieder plus Intro und Outro
Gäste: Sven Regener und Farin Urlaub
Besonderheiten: drei Zugabenblöcke, Fahnenmeer, Konfetti, Crowdsurfer und gemeinsamer Auftritt von Campino und Farin Urlaub
Berlin-Konzerte in der erweiterten Chronik: 86
Auftritte im Olympiastadion: 1993 als U2-Support und 2026 als Headliner
❓ FAQ zum Konzert der Toten Hosen in Berlin
Wie viele Menschen waren beim Konzert der Toten Hosen im Olympiastadion?
Rund 69.000 Menschen erlebten das ausverkaufte Konzert der Toten Hosen am 11. Juli 2026 im Berliner Olympiastadion.
Welche Überraschungsgäste traten bei den Toten Hosen in Berlin auf?
Sven Regener sang gemeinsam mit Campino „Immer nur geliebt“ von Element of Crime. Farin Urlaub überraschte das Publikum bei „Hier sind die Hosen“ und spielte anschließend mit der Band den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“.
Wie lange spielten die Toten Hosen in Berlin?
Das Konzert der Toten Hosen dauerte einschließlich der drei Zugabenblöcke ungefähr zweieinhalb Stunden. Die Setlist umfasste 33 reguläre Songs sowie Intro und Outro.
Welche Vorgruppen spielten im Olympiastadion?
The Stranglers eröffneten den Konzerttag. Anschließend brachten die Berliner Beatsteaks das Olympiastadion mit einem eigenen rund einstündigen Auftritt in Stimmung.
War es das letzte Konzert der Toten Hosen in Berlin?
Ein endgültiges letztes Berlin-Konzert wurde nicht angekündigt. Die aktuelle Tour läuft zunächst bis 2027. Ob die Toten Hosen anschließend noch einmal in Berlin auftreten, ist derzeit offen.













